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Cristóbal Halffter
Halffter: Adagio i. F. e. Rondos, für Orchester
UE32389
Ausgabeart: Studienpartitur
Format: 297 x 420 mm
Seiten: 54
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Beschreibung
Cristóbal Halffter begann an einem Spätsommertag des Jahres 2001 mit der Niederschrift der Partitur eines Werkes für die Wiener Philharmoniker, zu dem er von den Salzburger Festspielen beauftragt wurde. Die Ereignisse an diesem Tag veränderten den ursprünglichen Kompositionsplan gravierend. Es war der 11. September, an dem in den USA verheerende terroristische Anschläge verübt wurden. "Meine seelische Verfassung konnte sich den Ereignissen, deren Zuschauer und Opfer in die Millionen von Menschen gehen, nicht entziehen", schreibt der Komponist im Vorwort seiner Partitur. Von der Absicht, ein symphonisches Rondo zu schaffen, sind nur einige Spuren verblieben, die vom Ernst eines Adagios übertönt werden. So entstand das Adagio en forma de rondó, das der Komponist am 20. November 2002 in Villafranca abschloss.
Das Thema des Rondos taucht – symptomatisch für das Komponieren Cristóbal Halffters – als Klang auf und nicht als konkret fassbares Motiv oder bestimmte Melodie. Diese Klanglichkeit verleiht dem Rondo-Thema von seinem ersten Einsatz an (nach 43 Takten) den Charakter von Erinnerung. Auf einen Takt mit kurzen Notenwerten im ganzen Orchester folgen leise, flimmernde Klangflächen zunächst in den tieferen Streichern, Stabspielinstrumenten und der Harfe, die sich allmählich auf das ganze Orchester ausbreiten und in weiterer Folge durch prägnante kurze Notenwerte in Klangpunkte und später in Triller übergehen. Das Adagio ist immer da und umarmt den Rondo-Klang.
Das traurige Datum 11. 9. 01 ging als Zahlenfolge 11 – 9 – (0)1 in die Komposition ein. An elf Einleitungstakte des Werkes knüpft Halffter mit einem neuen Motiv in den Streichern neun Takte und daraufhin als deutliche Zäsur einen kurzen 3/8-Takt an. Dann erklingen neuerlich elf Takte in der Stimmung der Einleitung, gefolgt von neun weiteren, markanten und allmählich im Tempo beschleunigten Takten und einem die Phrase beschließenden Takt. Nach einer Pause setzt erstmals der Rondo-Klang ein. Die Zahlenfolge zieht sich in verschiedenen Erscheinungen durch das Werk. Am deutlichsten erkennbar wird sie in der Coda. Oboen, Klarinetten, Klavier, Vibraphon und Glocken spielen vom Beginn des Schlussabschnitts bis zum Ende des Werkes abwechselnd die Töne D und Es. Das D erklingt neun Mal, das Es – also die dissonante Erhöhung um einen Halbton – elf Mal. In den letzten Takten weitet sich dieses Es zum E in den hohen Streichern – eine Auflösung, mit der das Werk leise ausklingt. Dieses E ist wie ein Funken Hoffnung auf Menschlichkeit, auf positive Kräfte, zu denen die künstlerische Kreativität zählt. Halffter widmet sein Adagio en forma de rondó "den Wiener Philharmonikern, Inbegriff einer lebendigen Tradition von hoher Qualität, und meinem Sohn Pedro und seiner Frau Ana als Hochzeitsgeschenk, denn sie verstehen es, ihre Jugend mit der Ernsthaftigkeit, der Freude und dem Engagement zu leben, welche unsere Lebensumstände erfordern. Die Vereinigung beider Haltungen gibt unserer Hoffnung Raum" (Vorwort zur Partitur).
Mit dem sehr groß besetzten Orchester – vierfache Holzbläser, 13 Blechbläser, umfangreiches Schlagwerk, Klavier, Harfe und 50 Streicher – schöpft Cristóbal Halffter die Möglichkeiten seiner differenzierten Tonsprache aus: Mehrfach wird der gesamte Klangkörper aus beinahe geräuschhaftem Urgrund in heftige Bewegungen gesteigert. Dies verläuft in einem steten Klangfluss, denn der Komponist verlangt ausdrücklich, dass die Partitur von den Musikern in einem Klangkontinuum aus durchwobenen Linien und einem punktuellen Muster umgesetzt wird, damit die Zuhörer die Pulse der traditionellen Taktarten nicht wahrnehmen. Die sprichwörtliche exzellente Qualität der Streicher des Widmungsorchesters veranlasste Halffter zu einer extrem verfeinerten Aufteilung der Violinen, Bratschen, Celli und Kontrabässe. An einer zentralen Stelle des Werkes bei der Wiederkehr des Rondo-Klanges fächert Halffter die Streicher in 30 Stimmen auf. In der Coda spielen die Violinen und Bratschen eine zweistimmige Melodie im Abstand von drei Oktaven, während die Celli und Kontrabässe eine Imitation des Motivgeflechts vom Werkbeginn ausführen. Da prallen innerhalb der Streicher zwei konträre Welten aufeinander: Die Imitation sinkt in immer tiefere Regionen, bis nur noch Schemen übrig bleiben, während die Violinen in den Hoffnung gebenden Ton E münden. Solche Gegensätze komponierte Halffter in das gesamte Stück ein. Besonders deutlich wird der Kontrast zwischen synchroner Ordnung und solchen Passagen, in denen das Zusammenspiel ungeordnet erscheint. Dieser Kontrast bildet das Gegengewicht zum eigentlichen Klangkontinuum des Werkes.
Die Durchdringung der Klangsprache stellt grundsätzlich ein auffälliges Merkmal in Cristóbal Halffters Kompositionsstil dar. In einer Weiterentwicklung der Zwölftontechnik unterzog er in seiner Musik nicht nur die Tonhöhen, sondern auch die Dynamik einer strengen Ordnung. Die Reihe der Tonhöhen ergänzte er um Reihen der Tondauern und der Klangfarben. Halffter, der im faschistischen Spanien Francos aufwuchs, konnte sich nicht so ohne weiteres mit den Neuerungen der europäischen Musik vertraut machen. Erst in den sechziger Jahren fand er an der Spitze einer Gruppe von engagierten spanischen Komponisten den Anschluss an die von der Darmstädter Schule ausgehenden modernen Strömungen. Aufgeklärtes künstlerisches Denken und Schaffen war dem Regime in Spanien einerseits unlieb, andererseits konnte der Ruhm, den Künstler wie Halffter mit ihren Werken im Ausland ernteten, dem Ansehen des Landes nicht schaden. In dieser paradoxen Situation wagte es Halffter, 1968, zum 20. Jahrestag der Proklamation der Menschenrechte, eine Kantate mit dem Titel Yes, speak out, yes zu komponieren. Die Madrider Erstaufführung des Werkes konnte erst nach Intervention des Generalsekretärs der UNO stattfinden. Das Bewusstsein für 'politisches Komponieren' erweiterte Halffter noch zu Zeiten des falangistischen Regimes mit Werken wie Planto por las víctimas de la violencia, Requiem por la libertad imaginada und Elegías a la muerte de tres poetas españoles. Mit den drei Dichtern waren drei Opfer der Franco-Diktatur gemeint: Antonio Machado, der im Exil starb, Miguel Hernández, der in einem spanischen Gefängnis umkam, und Federico García Lorca, der von den Falangisten erschossen wurde. Mit dieser Komposition verknüpft waren für Halffter vage Erinnerungen an die eigene Kindheit. Er wuchs in einer kunstliebenden Familie in Madrid auf, in der García Lorca, der Komponist Manuel de Falla, der Maler Salvador Dalí, der Regisseur Luis Buñuel und viele andere Künstler verkehrten, darunter auch Halffters Onkel Rodolfo und Ernesto, die angesehene Komponisten in Spanien waren. Bei Ausbruch des Bürgerkriegs übersiedelte Cristóbal Halffter mit seiner Familie in das Heimatland seines Großvaters, nach Deutschland, wo er in Velbert in die Schule ging. 1939 kehrte die Familie nach Spanien zurück. 36 Jahre lang lebte Halffter, von der Schulzeit an in liberaler Gesinnung gegen das Franco-Regime eingestellt, fortan unter großem Druck und sah sich als Komponist, Pädagoge und Dirigent immer wieder Problemen wegen seiner Freiheits- und Gerechtigkeitsliebe und seines aufgeklärten Denkens ausgesetzt.
Politisch motiviertes Komponieren war für Halffter freilich nie Agitation. Für ihn handelte es sich "in Wahrheit nicht um politische, sondern um menschliche Probleme". Es ging ihm nicht darum, "Kunst an eine politische Haltung zu binden". Vielmehr heißt "Komponist sein, nicht nur Musik zu schreiben, sondern mehr noch und vor allem: Mensch zu sein. Nicht das eine ohne das andere, sondern beides zusammen."
Dieser Humanismus und die Thematisierung von sozialen und ethischen Fragen ziehen sich durch Halffters annähernd hundert Werke bis hin zum neuen Adagio en forma de rondó. In seiner kosmopolitisch aufgeschlossenen Tonsprache gehen gleichzeitig aber auch das spanische Idiom und die Besinnung auf die Tradition nicht verloren. Erst vor wenigen Wochen wurde in Stuttgart das Preludio para Madrid 2002 für Orchester aufgeführt, das auf Antonio Solers berühmtem Fandango aus der Barockzeit basiert. In den Siete cantos de España, 1992 aus mehreren anderen Vokalkompositionen zusammengestellt, verschmolz Halffter die drei Kulturen der iberischen Halbinsel, indem er abwechselnd arabische, sephardische und spanische Texte vertonte. Im Jahr 2000 erlebte Halffters erste Oper im Teatro Real in Madrid ihre Uraufführung: Don Quijote. Darin tritt nicht nur der Ritter von der traurigen Gestalt auf, sondern auch der Dichter des spanischen Nationalepos, Cervantes. Am Ende fragt der Ritter den Dichter: "Warum hast Du einen Helden geschaffen, der immer verliert?" Cervantes antwortet: "Du bist kein Held, du bist ein Mythos."
Rainer Lepuschitz
© Salzburger Festspiele
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Ausgabeart: Studienpartitur
Format: 297 x 420 mm
Seiten: 54