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Cristóbal Halffter
Don Quijote
Kurz-Instrumentierung: 4 4 4 4 - 6 4 4 1 - Schl(4), Hf, Cemb, Str, Tonbd; Bühnenmusik: Trp(3), Pos(3)
Dauer: 115'
Übersetzer: Sieglinde Oehrlein
Widmung: a Sebastian Battaner, con mi amistad y gratitud
Chor: SATB, 3 Sprecher
Rollen:
Dulcinea
Sopran Aldonza
Sopran Sancho
Tenor Cervantes
Bariton Don Quijote
Bariton Moza 1 - Sobrina
Sopran Moza 2 - Moza
Mezzosopran Moza 3 - Ama
Alt Ventero - Barbero
Tenor Mozo 1 - Licenciado
Bariton Mozo 2 - Cura
Bass
Instrumentierungsdetails:
1. Flöte
2. Flöte (+Picc)
3. Flöte (+Picc)
4. Flöte (+Picc)
1. Oboe
2. Oboe
3. Oboe
Englischhorn
1. Klarinette in B
2. Klarinette in B
3. Klarinette in B (+Kl(Es))
4. Klarinette in B (+Bkl(B))
1. Fagott
2. Fagott
3. Fagott
4. Fagott (+Kfg)
1. Horn in F
2. Horn in F
3. Horn in F
4. Horn in F
5. Horn in F
6. Horn in F
1. Trompete in C (+klTrp)
2. Trompete in C
3. Trompete in C
4. Trompete in C
1. Posaune
2. Posaune
3. Posaune
4. Posaune (+Bpos)
Basstuba
1. Schlagzeug
2. Schlagzeug
3. Schlagzeug
4. Schlagzeug
Harfe
Cembalo (+E-Klav, leicht verstärkt)
Violine I (16)
Violine II (14)
Viola (12)
Violoncello (10)
Kontrabass (8)
Bühnenmusik: 1. Trompete in C
2. Trompete in C
3. Trompete in C
1. Posaune
2. Posaune
3. Posaune
Halffter - Don Quijote
Hörbeispiel
Werkeinführung
Der Blick auf Cristóbal Halffters Musik ist stets auch ein Blick in seine Biographie. Deutlich wird dies bei der Betrachtung seiner Oper Don Quijote. Halffter wählte den Stoff eines Autors, der sich,wie er selbst, ständig im Spannungsfeld von künstlerischer Freiheit und politischer Tyrannei bewegte. Dennoch verpflichten sich beide in ihrer Kunst ausschließlich der Menschlichkeit. Cervantes wurde mit Don Quijote zum spanischen Nationalhelden. Halffter wuchs durch seine künstlerische Autonomie unter Francos Diktatur zu einer moralischen Instanz, zum Leitbild für das neue, dem Humanismus verpflichtete Spanien. Halffters Oper basiert auf den zentralen Szenen der literarischen Vorlage, wird aber nicht zuletzt im fiktiven Gespräch Cervantes’ mit seinem ritterlichen Helden zu einem grandiosen Diskurs über den politischen Gehalt mythischen Träumens. Diesen utopischen Stoff kleidet Halffter in eine gewaltige Klangsprache, die fast alle emotionalen Stufen durchschreitet: vom ätherischen Liebesflüstern Dulcineas und Aldonzas bis zur brachialen Lust der fanatisierten Menge, die das Werk der großen Geister des Abendlandes im Feuer zu vernichten glaubt.
Synopsis - Handlung
Einleitung und Szene I
Das Orchester-Vorspiel versucht die düstere Stimmung der spanischen Gesellschaft an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert heraufzubeschwören. Cervantes, der ein Mann des 16. Jahrhunderts ist, schafft zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit seinem unsterblichen Werk, das seine gesamte Lebenserfahrung resumiert, die Basis einer neuen Form literarischen Verständnisses und die Aufgabe, die diese neue Form in der Gesellschaft zu erfüllen hat. Cervantes denkt, fühlt, leidet und genießt wie ein Mann seiner Epoche. Daher 'erklingt' auch die Musik jener Zeit. (Die Arie des Cervantes basiert auf Diferencias sobre el canto llano del caballero von Antonio de Cabezón, 1510-1566):
"Wer wird mein Los verbessern?
Der Tod.
Und dem Gut der Liebe, was kommt ihm gleich?
Unbeständigkeit.
Und seine Leiden, wer heilt sie?
Wahnsinn.
So ist es nicht weise,
Leidenschaft heilen zu wollen,
wenn die Heilmittel sind
Tod, Unbeständigkeit und Wahnsinn."
Szene II
Dulcinea und Aldonza ermutigen Cervantes in seiner Aufgabe als Schriftsteller Zeitzeuge und Kritiker seiner Epoche zu sein: sich mit seiner Umwelt auseinander zu setzen und dennoch dabei Schönheit zu schaffen. Sie regen auch an, selbst erschaffen zu werden, da sie ja "noch nicht existieren".
Szene III
Das Wirtshaus, in dem Don Quijote zum ersten Mal in Erscheinung treten wird. "Sohn des Verstehens. Sohn meines Verstehens." In diesem Wirtshaus wird er zum Fahrenden Ritter geschlagen. Der festliche Chor singt
"Heute wollen wir essen und trinken,
wir wollen singen und es uns gut gehen lassen,
und morgen werden wir fasten..."
nach dem Madrigal von Juan del Enzina (1469-1529). Die anfänglich festliche Stimmung wird jedoch zum Spott:
"Kyrie.
Dominus vobiscum.
Sursum corda..."
Aldonza hilft dem Ritter bei allem was dieser braucht. Dulcinea singt:
"O heiliger Wahnsinn, der uns zur Vernunft bringt."
Szene IV
Orchesterzwischenspiel, das uns mit dem Gegensatz von Mühlen/Riesen konfrontiert: positivistische/subjektive Wirklichkeit. Don Quijote kämpft gegen die Riesen, die für Sancho Mühlen sind, aber für ihn die Macht an sich darstellen und jene Macht der Mittelmäßigkeit, die durch "Lügner, Mittelmäßige, Geizige, ..." ausgeübt wird.
Erste Niederlage des Don Quijote.
Szene V
Die Bühne ist in zwei Räume geteilt: in einem liegen niedergeschlagen Don Quijote und Sancho, im anderen die Nichte, eine Magd, die Herrin, der Barbier, der Lizenziat und der Geistliche, also das familiäre, 'klardenkene' Umfeld des Don Quijote, das vor der Gefahr des Buches warnt, und vor der Bedrohung, die ein unkontrolliertes Lesen für die Gesellschaft bedeuten würde:
"An all diesen Verrücktheiten sind allein die Bücher schuld.
Allein die Bücher sind schuld.
Alle verursachen großen Schaden."
Dulcinea und Aldonza pflegen die Wunden des Don Quijote. Aldonza mit konkreter Hilfe, Dulcinea mit Poesie.
Don Quijote erzählt Sancho von der weit reichenden Bedeutung der Poesie als Teil unserer Existenz. "Poesie, die uns das Leben schenkt und die Wirklichkeit erkennen lässt."
Der Geistliche reagiert darauf:
"Poesie – nein!
Ins Feuer!
... und was am schlimmsten ist – Dichter zu werden, denn das ist eine schwere Krankheit, unheilbar und hartnäckig"
Es beginnt die Bücherverbrennung, von Amadises und Palmerines bis Calderón, Molière, Manrique, Ortega, Zubiri, Cela, Delibes, Rilke, Joyce, Freud, Kafka, Hegel, Fichte, Cervantes,...
Während der riesige Scheiterhaufen vorbereitet wird, hört man 'Trommeln und Trompeten', die einen neuen Gegensatz ankündigen: die Schafe und Lämmer, die Viehherde und das Heer: die Menschenmasse, die immer gehorcht ohne zu wissen, wer sie befiehlt, welche Gründe ihr Verhalten bestimmen und wer von ihr profitiert.
Don Quijote kämpft gegen etwas, was er für ein großes Heer hält - er nennt die Krieger "Alifanfarón de la Tropabana, Pentapolín mit dem aufgekrempelten Ärmel, Steuermann von Carcajona, der fürchterliche Micocolembo ...". Sancho sieht nur Schafe und Böcke.
Die Viehherde/die Masse, die erneut "Heute wollen wir essen und trinken" singt, verbindet sich mit der Gruppe 'Nichte, Herrin, Magd, Wirt, Lizenziat und Geistlicher', um mit der Bücherverbrennung zu beginnen.
Die nächste Niederlage des Don Quijote.
Szene VI
Don Quijote auf seinem Sterbebett auf den Trümmern seines Umfeldes - seine Bücher, aus denen er selbst hervorgegangen ist. Vorwurfsvoll frägt Don Quijote Cervantes nach den Gründen, warum dieser ihn so geschaffen hat. Cervantes antwortet:
"Du bist kein Mensch,... Du bist ein Mythos, und die Mythen entstehen nicht nach den Gesetzen der Natur, sie entstehen aus der Fantasie und leben in den Gedanken der Menschen, die sich bemühen, Unrecht zu beseitigen und der Welt Gerechtigkeit zu bringen."
Don Quijote möchte wissen, zu welchem Schicksal er verdammt sei. Cervantes antwortet:
"Dafür zu sorgen, dass weder Mühlen noch Riesen, noch Böcke, Schafe oder Heerführer uns verbieten, zu lesen, zu denken, zu fühlen, anders zu sein, den eigenen Weg zu wählen, uns von der Herde abzusetzen ..."
Der vom Wahn seines Herrn angesteckte Sancho verlangt von Don Quijote, dass er sich wieder aufrichtet, dass er nicht stirbt, denn er habe "Nachricht, dass die Dame Dulcinea entzaubert ist". Aldonza pflegt den Verletzten mit Poesie. Dulcinea, aus der Wirklichkeit, singt:
"O heiliger Wahnsinn..."
Don Quijote akzeptiert sein Schicksal und wird unsterblich. Cervantes akzeptiert das seine und stirbt:
"... so wie ich das meine annehme und meinem Tod zustimme mit vergnügtem, klarem und reinem Sinn; dass der Mensch leben will, wenn Gott will, dass er stirbt, das ist Wahnsinn."
Die Nichte, eine Magd, die Herrin, der Barbier, der Lizenziat und der Geistliche trampeln auf den Trümmern und rufen aus:
"Hier ist unser Sieg,
ohne Bücher, ohne zu lesen ...
Eine einzige Herde;
ohne zu denken, ohne zu fühlen ...
Eine einzige Herde,
eine einzige Macht,
ein einziger Heerführer,
eine einzige Herde."
Und der Chor als Symbol für die Masse singt ein weiteres Mal "Heute wollen wir essen und trinken" in einer neuen Chor- und Instrumentalfassung, die durch den Klang einer zerborstenen Glocke unterbrochen wird. Auf der Bühne das Symbol des Don Quijote und alles was sich mit ihm verbindet: die Utopie, die Kultur, die Ritterlichkeit, der Idealismus, die subjektive Wirklichkeit, die kreative Fantasie, die Literatur, und vieles, vieles mehr.... Auf den Trümmern und der Asche der Bücher steht dieses Symbol, während der Klang der zerborstenen Glocke im Hintergrund nie zu enden scheint.