

Wolfgang Rihm
Two Other Movements
Kurz-Instrumentierung: 3 3 3 3 - 4 3 3 1 - Pk, Schl(3), Hf, Str(16 14 12 10 8)
Dauer: 38'
Instrumentierungsdetails:
1. Flöte
2. Flöte
3. Flöte (+Picc)
1. Oboe
2. Oboe
3. Oboe (+Eh)
1. Klarinette in A
2. Klarinette in A
Bassklarinette in B
1. Fagott
2. Fagott
Kontrafagott
1. Horn in F
2. Horn in F
3. Horn in F
4. Horn in F
1. Trompete in C
2. Trompete in C
3. Trompete in C
1. Posaune
2. Posaune
3. Posaune
Basstuba
Pauken
Schlagzeug(3)
Harfe
Violine I(16)
Violine II(14)
Viola(12)
Violoncello(10)
Kontrabass(8)
Rihm - Two Other Movements für Orchester
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Hörbeispiel
Werkeinführung
Gerade las ich in John Updikes Seek My Face (Penguin Books 2003, Seite 14) "Interviewers and critics are the enemies of mystery, the indeterminacy that gives art life".
Da werde ich gebeten, einen Text zu meinem neuen Stück zu schreiben.
Jede Komposition, die ich schreibe, ist in gewisser Weise ein 'Text', den ich zu der Komposition verfasse, die ich davor geschrieben habe. Musik antwortet Musik.
Irgendwann ist es Mode geworden, dass man von Komponisten erklärende Texte zu ihrer Musik erwartet. Warum? Ein Kunstwerk spricht doch immer für sich. Der Künstler weiß nichts 'besser' als der Rezipient, der sich ernsthaft auf die Sache einlässt. Wenn er sich nicht ernsthaft auf die Sache einlässt, hilft auch ein Text des Künstlers nicht.
Ich glaube an die Unmittelbarkeit von Kunst. 'Erklären' kann man nichts. Aber man kann wahrnehmen. Eine Erfahrung machen. Niemals die selbe. Schon gar nicht mit Musik, die sowieso immer anders ist. Der Freiheit des Hörens sind keine Grenzen gesetzt (vorausgesetzt, der Nachbar hustet nicht zu laut). Manchmal ist es erstaunlich, was aus ein paar harmlosen Terz-Intervallschritten herauswächst. Alles ist in Fluss, Bewegung schafft Bewegung. Kontraste ergeben sich plötzlich, sie ziehen Konflikte nach sich, Kämpfe, Entscheidungen, Lösungen, neue Konflikte, Episoden, Antworten, Fragen – wir sind mitten im symphonischen Text. Die Musik scheint aus sich selbst zu entstehen. Der Hörer nimmt sie wahr mit seiner Kunst: mit seinem Hören.
Ich liebe frei sich entwickelnde Formen, Flussformen, Naturprozessen vergleichbare Formverläufe. Solche Formen sind reich und schmucklos zugleich. Es gab sie zu allen Zeiten, in allen Stilen. Solchen Formen auf der Spur zu sein – es ist wie atmen. Natürlich ist 'das Natürliche' ein Teil unserer Tradition. Und jeder wird etwas Anderes darunter verstehen wollen. Das ist nicht tragisch.
In Konzert-Veranstaltungen, so wie wir sie kennen, stehen die Stücke nebeneinander, manchmal wie fremde Substanzen. Aber es wird immer einen geheimen Fluss geben durch unsere künstlichen Arrangements. Und die Fragen und Antworten werden auseinander entstehen. Wie in der Musik.
Wolfgang Rihm